Geschichten von Damals

Damals war's
Die Große Straße


Ich bin die bekannte Einkaufsstraße in der Strausberger Altstadt und kann auf ein langes Bestehen zurückblicken. Mein Verlauf beginnt im Süden am Landsberger und endet im Norden am Wriezener Tor, die beide nicht mehr existieren. Angelegt wurde ich bereits in den Gründerjahren der Stadt, ungefähr um 1240, gleichzeitig mit dem Markt am heutigen Lindenplatz.

Über viele Jahrhunderte war ich die längste, breiteste und bedeutendste Straße von Strausberg. Die Einwohner gaben mir den Namen `Große Straße`. Nur kurze Zeit erhielt ich die Bezeichnung `Breite Straße`, weil ein Kartenzeichner mich so auf einem Stadtplan von 1723 verewigte. Ich bin doch nicht breit, ich bin groß! Zum Glück setzte sich der Volksmund durch und mein Name blieb erhalten.

Als Handels- und Heeresstraße habe ich viel gesehen und erlebt. Eine schlimme Zeit waren u.a. die Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg. Strausberg war weitgehend verwüstet. Erst mit Hilfe der Preußenkönige, die Bauwillige von Steuern und Abgaben befreiten, schritt der Aufbau langsam voran. Meine Blütezeit begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich immer mehr Ladengeschäfte etablierten. Bedeutende Branchen wie Bäcker, Fleischer, Lebensmittel, Drogerien, Bekleidungsgeschäfte, Gaststätten und Cafés waren gleich mehrmals vertreten.

Ab dem Jahr 1926 wurde die Strecke der Strausberger Eisenbahn von Vorstadt ab Lustgarten verlängert und fuhr zunächst bis zum Marktplatz und zwei Monate später hielt sie 600 Meter weiter am Landesjugendheim. Es herrschte reges Leben. Auf der einen Seite fuhr die Straßenbahn, auf der anderen standen die LKW`S, die die Geschäfte mit Ware belieferten und zwischendurch wuselten die Fußgänger. Am 1. Oktober 1970 wurde der Abschnitt Lustgarten-Landesjugendheim wieder stillgelegt. Trotzdem blieb ich eine beliebte Einkaufsstraße. Geschäfte reihten sich aneinander, wie die Perlen auf einer Kette. Sogar aus den umliegenden Dörfern kamen die Bewohner zum Shoppen.

Als 1996 der Entschluss gefasst wurde, mich grundlegend zu sanieren, war ich hell begeistert. Endlich ein neues Antlitz mit attraktiven Geschäften und modernen Wohnbauten. Doch es sollte anders kommen. Die Bauzeit dauerte drei Jahre und die Passanten mieden mich, wie die Pest. Die kleinen Geschäfte schlossen eins nach dem anderen. Banken und Versicherungen zogen anschließend ein. So langsam öffnet jetzt wieder mal ein neuer Laden, aber dafür schließt ein anderer. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Von vorbeigehenden Touristen höre ich oft: `Schöne Straße, sehr modern. Schade, dass es keine vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten gibt. Was könnte man hier nicht alles machen ...`

Seit fast zwei Jahren fahren an meiner südlichen Zufahrt abends automatische Poller hoch und ich werde über Nacht zur Fußgängerzone. Dann habe ich Zeit zum Träumen. Auf mir flanieren viele glückliche Menschen, betreten kleine Boutiquen und Läden, die sie mit einem Lächeln wieder verlassen, Passanten sitzen auf bequemen Stühlen vor den Cafés, genießen den Tag oder Abend. Wer weiß, manchmal werden auch Träume wahr...

Wir danken Frau Karlsohn vom Heimatmuseum für die freundliche Unterstützung.

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