Annette Binder - 04.09.2026

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Annette Binder
Fragen und Antworten

Bild:© Britta Lehmann


1. Was haben Sie für die ersten 100 Tage nach Amtsantritt auf Ihrer Agenda, was wollen Sie direkt auf den Weg bringen?

Ich würde nicht bei null anfangen. Viele Themen, Projekte und auch die Menschen in der Verwaltung kenne ich bereits aus meiner eigenen Tätigkeit in der Stadtverwaltung und aus meiner kurzen Amtszeit als Bürgermeisterin.

Für mich geht es in den ersten 100 Tagen deshalb weniger darum, möglichst viele neue Projekte anzukündigen. Ich möchte klare Prioritäten setzen, Entscheidungen voranbringen und für Verlässlichkeit sorgen. Dazu gehört ein genauer Blick auf laufende Projekte, ihre Entscheidungsstände, Zeitpläne und finanziellen Auswirkungen.

Bewährte Strukturen möchte ich fortführen und weiterentwickeln. Dazu gehört beispielsweise der bereits gut etablierte Unternehmerdialog. Gleichzeitig müssen wir die großen Zukunftsthemen strukturiert weiterbearbeiten: wirtschaftliche Stabilität und Entwicklung, Straussee und Wasser, medizinische Versorgung, Bildung, eine leistungsfähige Verwaltung und die Entwicklung unserer Ortsteile.

Eine Bürgermeisterin muss dabei nicht jede gute Idee selbst haben. Sie muss gute Ideen erkennen, die richtigen Menschen zusammenbringen und dort Möglichmacherin sein, wo die Stadt etwas bewegen kann.

Und ich möchte weiter draußen in unserer Stadt unterwegs sein. Im Rathaus allein erfährt man nicht, was in Hegermühle, Nord, der Vorstadt oder unseren Ortsteilen gut läuft und wo es hakt. Dafür muss man mit den Menschen sprechen, die dort leben.

Nicht alles lässt sich in 100 Tagen lösen. Aber nach 100 Tagen sollte klar sein, was wir wann, mit wem und mit welchem Ziel angehen.

2. Die Arbeit eines Bürgermeisters ist auch die Stadt Strausberg nach außen zu präsentieren. Die Hauptaufgabe ist es jedoch die Stadtverwaltung mit den immerhin 350 Angestellten in verschiedensten Funktionen zu leiten. Was qualifiziert Sie dazu, diese Arbeit zum Wohle der Einwohner gut auszuführen?

Führung ist seit vielen Jahren Teil meines Berufslebens. Ich habe in der freien Wirtschaft Geschäftsführungsverantwortung getragen, kenne die Strausberger Stadtverwaltung aus eigener Tätigkeit und trage heute kaufmännische Führungsverantwortung im Gesundheitswesen.

Damit verbinde ich Erfahrungen aus Wirtschaft, Verwaltung und Gesundheitswesen. Ich kenne Personalverantwortung, Budgets, wirtschaftlichen Druck und die Notwendigkeit, auch schwierige Entscheidungen zu treffen und zu erklären.

Während meiner kurzen Amtszeit als Bürgermeisterin konnte ich zudem erleben, dass die Zusammenarbeit mit der Verwaltung funktioniert. Ich kenne kommunale Entscheidungen damit nicht nur aus politischen Diskussionen oder Gremien, sondern auch aus der Verantwortung für ihre Umsetzung. Denn zwischen einem Beschluss und seiner Umsetzung liegen Personal, Finanzierung, Recht, Zeit und manchmal schwierige Abwägungen.

Mein Führungsverständnis ist klar: zuhören, beraten, entscheiden und anschließend Verantwortung für die Entscheidung übernehmen. Beschäftigte brauchen klare Zuständigkeiten, Vertrauen und die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen. Und auch ein gut begründetes Nein gehört für mich zu guter Führung.

3. Wo setzen Sie Ihre Prioritäten bei der Stadtinnenentwicklung, ohne den Wasserhaushalt des Straussees beispielsweise durch zusätzliche Versiegelungen und steigenden Wasserverbrauch durch Zuzug weiter zu gefährden?

Strausberg soll sich weiterentwickeln. Gleichzeitig müssen wir zunehmend darüber sprechen, wo und wie diese Entwicklung überhaupt noch stattfinden kann. Mit der Realisierung des geplanten Wohngebietes neben der Stadtverwaltung werden die größeren innerstädtischen Flächenpotenziale weitgehend ausgeschöpft sein.

Deshalb können wir nicht dauerhaft in der Logik denken: Wachstum bedeutet immer neue Bauflächen. Die Nutzung vorhandener Flächen und Gebäude sowie eine Nachverdichtung mit Augenmaß haben für mich Vorrang. Bei neuen Vorhaben müssen Versiegelung, Versickerungsmöglichkeiten, Grünflächen, Infrastruktur und die Auswirkungen auf den Wasserhaushalt von Beginn an berücksichtigt werden.

Perspektivisch wünsche ich mir außerdem einen stärkeren Dialog mit unseren Nachbarkommunen. Viele Menschen aus den Orten rund um Strausberg fühlen sich unserer Stadt eng verbunden. Sie arbeiten hier, kaufen hier ein und nutzen unsere medizinische Versorgung, Schulen, Kultur-, Freizeit- und Verkehrsinfrastruktur.

Stadtentwicklung endet in der Lebenswirklichkeit der Menschen nicht an einer Gemeindegrenze. Deshalb sollten wir miteinander darüber sprechen, wo künftig Wohnraum entsteht, welche Infrastruktur dafür benötigt wird und welche Angebote gemeinsam entwickelt oder genutzt werden können.

Dabei geht es um Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Gerade angesichts begrenzter Flächen und der besonderen Bedeutung des Straussees müssen wir Entwicklung zukünftig stärker regional denken.

4. In Strausberg gelten die SWG und die hiesigen Genossenschaften zu den größten Vermietern. Sie verfügen über einen enormen Alt-Wohnbestand, was in den einzelnen Wohnarealen zu enormen Parkplatzproblemen führt. Wie ist Ihr Lösungsansatz?

Gerade in gewachsenen Wohngebieten gibt es keine Standardlösung. Zusätzliche Stellplätze können sinnvoll sein, aber nicht jede freie oder grüne Fläche sollte automatisch zum Parkplatz werden. Gemeinsam mit den Wohnungsunternehmen sollten wir quartiersbezogen betrachten, wo Flächen besser genutzt, Stellplätze neu geordnet oder zusätzliche Kapazitäten geschaffen werden können. Sichere Fahrradabstellmöglichkeiten und ein attraktiver öffentlicher Nahverkehr gehören ebenfalls dazu.

Für mich gehört zu dieser Frage aber auch, wie wir unseren vorhandenen Wohnungsbestand weiterentwickeln. Strausberg braucht Wohnraum für unterschiedliche Lebenssituationen und Einkommen.

In der Vergangenheit gab es beispielsweise Wohnungen für Auszubildende, die zu günstigeren Konditionen angeboten wurden und von den Mieterinnen und Mietern selbst renoviert werden konnten. Solche Modelle finde ich interessant. Ich wünsche mir, dass wir wieder stärker über unterschiedliche Angebote und Wohnstandards nachdenken.

Denn bezahlbarer Wohnraum ist keineswegs nur ein Thema für junge Menschen. Er wird genauso von Familien, Alleinerziehenden, Rentnerinnen und Rentnern, Menschen mit kleineren Einkommen oder Menschen benötigt, deren Lebenssituation sich verändert hat.

Nicht jeder braucht oder möchte eine frisch sanierte Wohnung mit dem höchstmöglichen Standard. Manchmal ist die bezahlbare Wohnung wichtiger als die perfekte Ausstattung. Unterschiedliche Standards können deshalb auch unterschiedliche Mietpreise ermöglichen, selbstverständlich immer unter der Voraussetzung, dass Wohnungen sicher und in einem ordentlichen Zustand sind.

Bei Neubauvorhaben wiederum müssen Wohnen, Mobilität und Parkraum von Anfang an gemeinsam gedacht werden. Mein Ziel ist, dass Strausberg eine Stadt bleibt, in der Menschen mit unterschiedlichen Einkommen und in unterschiedlichen Lebensphasen wohnen können.

5. Auf dem Territorium der Stadt Strausberg haben sich viele Gewerbebetriebe angesiedelt. Mit welcher Strategie wollen Sie deren Entwicklung vorantreiben?

Strausberg verfügt über eine vielfältige Unternehmenslandschaft und bereits über gute Strukturen für den Austausch mit unserer Wirtschaft. Der Unternehmerdialog hat sich etabliert und sollte konsequent fortgeführt werden. Auch Formate wie der Unternehmerball und die Auszeichnung „Unternehmen mit Herz“ schaffen Sichtbarkeit und Wertschätzung für diejenigen, die hier Arbeitsplätze schaffen, ausbilden, investieren und sich häufig darüber hinaus für unsere Stadt engagieren.

Für mich geht es deshalb nicht darum, alles neu zu erfinden, sondern erfolgreiche Formate weiterzuentwickeln und die Zusammenarbeit noch stärker auf die konkreten Bedarfe unserer Unternehmen auszurichten.

Dabei ist der Gewerbeverein der Stadt Strausberg für mich ein wichtiger Partner. Er kennt die Anliegen der Unternehmen vor Ort und ist eine wichtige Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Kommunalpolitik. Diesen Austausch möchte ich ebenso pflegen und stärken wie die Zusammenarbeit mit dem STIC und weiteren regionalen Wirtschaftsstrukturen.

Ich kenne dabei auch die andere Seite des Schreibtisches. Ich habe selbst viele Jahre in einem Strausberger Familienunternehmen gearbeitet und dort Geschäftsführungsverantwortung getragen. Ich weiß deshalb aus eigener Erfahrung, wie wichtig verlässliche Ansprechpartner, nachvollziehbare Verfahren und möglichst zügige Entscheidungen für Unternehmen sind.

Verwaltung kann nicht jeden Wunsch erfüllen. Aber sie kann zuhören, Möglichkeiten aufzeigen, verlässlich entscheiden und auch erklären, wenn etwas nicht möglich ist.

Wirtschaftsförderung endet für mich zudem nicht an der Stadtgrenze. Gerade bei Gründungen, Innovation, Fachkräftesicherung und der Vernetzung von Unternehmen bietet regionale Zusammenarbeit Chancen.

Eine starke Wirtschaft bedeutet für mich weit mehr als Gewerbesteuereinnahmen. Sie bedeutet Arbeits- und Ausbildungsplätze, Kaufkraft, Innovation und Unternehmen, die Verantwortung für ihre Stadt übernehmen. Diese Unternehmen möchte ich in Strausberg halten und weitere für unseren Standort gewinnen.

6. Die Elektromobilität nimmt deutschlandweit immer mehr Raum ein – wo sehen Sie in und für Strausberg Handlungsbedarf?

Wir brauchen einen bedarfsgerechten Ausbau der Ladeinfrastruktur. Dabei sehe ich die Stadt nicht allein in der Verantwortung. Unsere kommunalen Unternehmen, Wohnungsunternehmen, die Wirtschaft und private Anbieter müssen gemeinsam betrachtet werden.

Handlungsbedarf sehe ich insbesondere dort, wo Menschen keine eigene Lademöglichkeit schaffen können, beispielsweise in größeren Wohnquartieren, aber auch an zentralen öffentlichen Standorten. Bei neuen Bauvorhaben sollte Ladeinfrastruktur von Beginn an mitgedacht werden.

Für mich geht es dabei nicht darum, möglichst viele Ladesäulen als Symbol aufzustellen. Wir müssen schauen, wo tatsächlicher Bedarf besteht, welche Partner investieren können und wie sich die Infrastruktur wirtschaftlich betreiben lässt. Auch hier gilt für mich: Bedarf feststellen, Partner zusammenbringen und dann umsetzen.

7. Wie wollen Sie die Stadtverwaltung reformieren, damit sie weiterhin bürgernah und doch digitaler fungiert?

Strausberg ist gewachsen. Die Aufgaben und Anforderungen an unsere Verwaltung sind ebenfalls gewachsen, die Strukturen aber nicht überall im gleichen Maße.

Deshalb halte ich eine Organisationsuntersuchung für sinnvoll. Dabei geht es ausdrücklich nicht um den Abbau von Arbeitsplätzen. Wir müssen vielmehr prüfen: Passen Aufgaben und Zuständigkeiten noch zu den heutigen Anforderungen? Sind Verantwortlichkeiten klar? Wo entstehen unnötige Wege oder Doppelstrukturen? Und wo können wir Abläufe für die Beschäftigten und gleichzeitig für die Menschen, Vereine und Unternehmen in Strausberg verbessern?

Digitalisierung ist dabei ein wichtiges Werkzeug, aber kein Selbstzweck. Mir wäre beispielsweise ein Automat zur Dokumentenabholung wichtig. Wer einen Ausweis oder ein anderes Dokument abholen möchte, sollte dafür nicht zwingend an Öffnungszeiten gebunden sein.

Ebenso wünsche ich mir mehr Transparenz im Bearbeitungsprozess: Wo befindet sich mein Antrag? Ist er eingegangen? Wird er bearbeitet? Fehlen noch Unterlagen? Solche Informationen sollten möglichst digital und unkompliziert abrufbar sein.

Das gilt genauso für unsere Unternehmen. Verwaltungsleistungen sollten möglichst digital erledigt, Unterlagen elektronisch nachgereicht und Bearbeitungsstände nachvollzogen werden können. Gerade bei Investitionen und Genehmigungsverfahren sind klare Zuständigkeiten und verlässliche Informationen wichtig.

Auch bei unseren Vereinen können wir Bürokratie abbauen. Wenn Mitgliederzahlen und Vereinsstrukturen bereits gemeldet wurden, sollten diese nicht jedes Jahr vollständig neu eingereicht werden müssen. Eine Meldung bei tatsächlichen Veränderungen halte ich für ausreichend.

Und gute Digitalisierung muss auch den Beschäftigten helfen. Wenn ein digitaler Prozess am Ende mehr Arbeit verursacht als vorher, haben wir nichts gewonnen.

Digitalisierung soll Wege verkürzen, Verfahren transparenter machen und Beschäftigte von unnötigen Routinen entlasten. Gleichzeitig darf sie nicht bedeuten, dass persönliche Ansprechpartner verschwinden.

Mein Ziel ist eine Verwaltung, deren Strukturen zu unserer gewachsenen Stadt passen, die digitaler und effizienter arbeitet und für Menschen, Vereine und Unternehmen trotzdem persönlich und verlässlich erreichbar bleibt.

8. Die Lebenshaltungskosten und Aufwendungen steigen im Allgemeinen. Auch die Kommunen haben steigende Kosten/Aufwendungen beispielsweise Personalkosten, Planungs- und Baukosten etc. und weitere Herausforderungen zu bewältigen. Wie ist Ihre Strategie?

Wirtschaftliche Stabilität und langfristige Handlungsfähigkeit sind für mich zentrale Voraussetzungen dafür, dass Strausberg seine Aufgaben erfüllen und gleichzeitig weiter gestalten kann. Dafür gibt es nicht den einen Hebel.

Wir brauchen klare Prioritäten im Haushalt, eine realistische Investitionsplanung und einen stärkeren Blick auf die Folgekosten unserer Entscheidungen. Ein gefördertes Projekt ist nicht automatisch ein günstiges Projekt. Betrieb, Unterhaltung, Personal und spätere Ersatzinvestitionen müssen von Anfang an mitgedacht werden.

Auch die Organisation unserer Verwaltung spielt dabei eine Rolle. Strausberg ist gewachsen und die Aufgaben sind komplexer geworden. Unsere Strukturen müssen mit dieser Entwicklung Schritt halten. Effizienz bedeutet für mich ausdrücklich nicht den Abbau von Arbeitsplätzen. Es geht darum, vorhandene Ressourcen sinnvoll einzusetzen, Beschäftigte durch gute Strukturen zu entlasten und Leistungen für Menschen und Unternehmen verlässlich zu erbringen.

Unsere kommunalen Gebäude und Flächen sollten wir ebenfalls strategischer betrachten. Eine Sozialraumanalyse kann zeigen, welche Angebote in welchen Teilen unserer Stadt tatsächlich benötigt werden. Gleichzeitig sollten wir systematisch wissen, welche kommunalen Gebäude oder Räume leer stehen oder anders genutzt werden können. Bevor wir neue Flächen schaffen oder Gebäude errichten, sollten wir prüfen, was bereits vorhanden ist und sinnvoll genutzt werden kann.

Ein weiterer Baustein ist die zukünftige Struktur unseres Stadtkonzerns. Damit beschäftigen sich bereits die Stadtverordneten, die Verwaltung sowie die Gesellschaften und ihre Gremien. Das ist richtig, denn solche Entscheidungen gehören auf eine breite und fachlich fundierte Grundlage. Dabei müssen wirtschaftliche Stabilität, Zukunfts- und Vorsorgesicherung ebenso betrachtet werden wie geeignete Gesellschaftsformen, Fördermöglichkeiten und die kommenden umsatzsteuerlichen Veränderungen. Darin liegen Risiken, möglicherweise aber auch Chancen.

Solide Haushaltsführung bedeutet für mich deshalb nicht einfach Sparen. Es bedeutet Vorsorge, Strukturen zu hinterfragen, vorhandene Ressourcen klug einzusetzen, Risiken frühzeitig zu erkennen und heute so zu entscheiden, dass Strausberg auch morgen noch handlungsfähig ist.

9. Derzeit wohnen in Strausberg über 28.000 Einwohner, viele von ihnen sind über 55 Jahre alt. Die Zahl der Rentner und Pensionäre wächst, einige bedürfen Betreuung und Pflege. In einigen Bereichen gibt es wenig Fachärzte. Was wollen Sie auf den Weg bringen, um alle Menschen nach ihren Bedürfnissen zu versorgen?

Die medizinische Versorgung ist für mich eines der zentralen Zukunftsthemen Strausbergs. Dabei muss man ehrlich sagen: Eine Bürgermeisterin kann keine Arztpraxis anordnen und keine Kassenarztsitze vergeben. Aber sie kann sehr wohl Möglichmacherin sein.

Hier bringe ich Erfahrungen und Kontakte mit, die unmittelbar hilfreich sein können. Ich bin seit Jahren in leitender Verantwortung im Gesundheitswesen tätig und war auch in die Leitung der Krankenhaus Märkisch-Oderland GmbH eingebunden. Ich kenne die Strukturen und viele Ansprechpartner im Gesundheitswesen, von der Kassenärztlichen Vereinigung über gesetzliche Kranken- und Rentenversicherungsträger bis zu den Leistungserbringern.

Diese Kontakte möchte ich für Strausberg nutzen. Wenn sich Ärztinnen und Ärzte ansiedeln wollen oder neue Versorgungsangebote entstehen können, darf die Stadt nicht nur darauf warten, dass etwas passiert. Wir können bei der Suche nach geeigneten Räumen unterstützen, Kontakte herstellen und die richtigen Akteure an einen Tisch bringen.

Dabei müssen wir medizinische Versorgung als Ganzes betrachten: Hausärzte, Fachärzte, Kinder- und Jugendmedizin, Krankenhaus, Pflege, Rehabilitation und ambulante Angebote hängen miteinander zusammen.

Strausberg übernimmt als größte Stadt Märkisch-Oderlands zudem Versorgungsfunktionen weit über seine Stadtgrenzen hinaus. Ich möchte dem Landkreis und unseren Nachbarkommunen eine verlässliche Partnerin sein und gleichzeitig die Interessen Strausbergs selbstbewusst vertreten.

Zu einer älter werdenden Stadt gehören außerdem Barrierefreiheit, Mobilität, Pflege- und Unterstützungsangebote, Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe.

Mein Anspruch ist nicht, kommunalpolitisch Dinge zu versprechen, über die andere entscheiden. Mein Anspruch ist, die richtigen Menschen zusammenzubringen und meine Erfahrungen und Kontakte zu nutzen, damit aus Möglichkeiten Lösungen werden.

10. Die Strausberger Geburtsklinik wurde in der Mitte des Jahres geschlossen, weil zu wenig Kinder zur Welt kommen. Im Juli wurde sogar eine Kita geschlossen. Was wollen Sie unternehmen, dass diese Entwicklung umgekehrt wird?

Zunächst möchte ich zwei Entwicklungen voneinander trennen. Die Schließung der Geburtshilfe im Krankenhaus Strausberg ist kein Beleg dafür, dass Strausberg kein attraktiver Standort für Familien mehr ist.

Die Geburtenzahlen gehen seit Jahren zurück. Gleichzeitig verändert die Krankenhausreform die Anforderungen an Krankenhausstandorte grundlegend. Medizinische Leistungen werden stärker gebündelt und für die Geburtshilfe müssen entsprechende medizinische und personelle Strukturen dauerhaft vorgehalten werden. Bei deutlich sinkenden Geburtenzahlen wird dies für kleinere Standorte zunehmend schwieriger.

Die Schließung der Geburtshilfe ist deshalb für mich nicht mit der Schließung einer Kita gleichzusetzen und schon gar nicht mit der Aussage, Strausberg verliere seine Attraktivität für Familien.

Wir müssen uns gleichzeitig darauf einstellen, dass die Krankenhausreform weitere Veränderungen in der medizinischen Versorgungslandschaft mit sich bringen kann. Umso wichtiger ist es, dass Strausberg seine Interessen gegenüber Landkreis, Land und den Akteuren des Gesundheitswesens frühzeitig vertritt. Hier kann ich meine langjährige Erfahrung und meine Kontakte im Gesundheitswesen einbringen.

Was wir als Stadt unmittelbar beeinflussen können, sind die Bedingungen, unter denen Familien hier leben: bezahlbarer Wohnraum, verlässliche Kinderbetreuung, gute Schulen, attraktive Arbeitsplätze, Freizeit- und Sportangebote, sichere Wege und eine gute medizinische Versorgung.

Eine einzelne Kita-Schließung muss anhand der tatsächlichen Bedarfsentwicklung betrachtet werden. Entscheidend ist, langfristig zu planen: Wo leben künftig Familien? Welche Kita- und Schulkapazitäten brauchen wir dort? Und welche vorhandenen Gebäude können wir dafür nutzen?

Eine Bürgermeisterin kann die Geburtenrate nicht verändern. Aber sie kann gemeinsam mit vielen anderen dafür sorgen, dass Menschen sagen: Strausberg ist der Ort, an dem wir leben, arbeiten und unsere Zukunft planen wollen.

11. Wie kann die Stadt Strausberg Mehreinnahmen generieren?

Die nachhaltigste Grundlage für höhere Einnahmen ist für mich eine starke wirtschaftliche Entwicklung. Bestehende Unternehmen müssen gute Bedingungen vorfinden und weitere Unternehmen für Strausberg gewonnen werden. Mehr wirtschaftliche Aktivität bedeutet Arbeitsplätze, Wertschöpfung und langfristig auch eine stärkere Einnahmebasis für unsere Stadt.

Daneben müssen wir Fördermöglichkeiten konsequent nutzen, kommunale Vermögenswerte verantwortungsvoll bewirtschaften und vorhandene Einnahmepotenziale regelmäßig überprüfen.

Auch die zukünftige Struktur unserer kommunalen Gesellschaften kann Chancen eröffnen. Mit dieser Frage beschäftigen sich bereits die Stadtverordneten, die Verwaltung sowie die Gesellschaften und ihre Gremien. Dabei sollten Gesellschaftsformen und Strukturen nicht allein unter Kostengesichtspunkten betrachtet werden. Auch Fördermöglichkeiten, Investitionsspielräume, Zukunfts- und Vorsorgesicherung sowie die kommenden umsatzsteuerlichen Veränderungen gehören für mich in diese Betrachtung.

Eine weitere Möglichkeit möchte ich zumindest prüfen lassen: die Beteiligung von Tagesgästen an den Kosten unserer touristischen Infrastruktur. Mit dem Straussee, dem Kulturpark und der wieder geöffneten Seebadeanstalt verfügt Strausberg über attraktive Angebote, die selbstverständlich auch von vielen Menschen außerhalb unserer Stadt genutzt werden.

Das brandenburgische Kommunalabgabengesetz eröffnet grundsätzlich die Möglichkeit, auch Tagesgäste über einen zweckgebundenen Gästebeitrag an touristischen Aufwendungen zu beteiligen. Ob das für Strausberg tatsächlich sinnvoll ist, sollte ergebnisoffen geprüft werden.

Mich interessieren dabei vor allem die Zahlen: Wie viele Tagesgäste haben wir? Welche Einnahmen wären realistisch? Wie hoch wäre der Verwaltungsaufwand? Und welche Auswirkungen hätte ein solcher Beitrag auf Gastronomie, Handel und andere Angebote, die wiederum von unseren Gästen profitieren?

Für mich gilt auch hier: erst rechnen, Auswirkungen betrachten und dann entscheiden.

Mehreinnahmen entstehen für mich nicht automatisch durch höhere Steuern und Gebühren für die Menschen und Unternehmen unserer Stadt. Bevor wir dort zusätzliche Belastungen schaffen, sollten wir wirtschaftliche Potenziale, Fördermöglichkeiten, unsere kommunalen Strukturen und auch neue Finanzierungswege konsequent betrachten.

12. Welche freiwilligen Leistungen besitzen für Sie Priorität?

Freiwillige Leistungen sind für mich nicht automatisch verzichtbarer Luxus.

Wer erlebt, was in Strausberg durch Ehrenamt auf die Beine gestellt wird, weiß: Viele Angebote unserer Stadt könnten wir als Kommune weder personell noch finanziell allein leisten. Vereine schaffen Gemeinschaft, kümmern sich um Kinder und Jugendliche, organisieren Kultur und Sport, unterstützen Menschen und bringen Generationen zusammen.

Deshalb ist Vereinsförderung für mich nicht einfach eine freiwillige Ausgabe. Sie ist auch eine Investition in den Zusammenhalt unserer Stadt.

Ich möchte Sport, Kultur, Jugendarbeit, Vereine und soziale Angebote deshalb nicht pauschal gegeneinander ausspielen. Bei begrenzten finanziellen Mitteln müssen wir transparent priorisieren: Welche Angebote ermöglichen Teilhabe? Wo unterstützen wir Ehrenamt? Welche Angebote erreichen viele Menschen? Und welche gesellschaftliche Wirkung erzielen wir?

Gleichzeitig gehört für mich zur Ehrlichkeit: All das braucht eine solide finanzielle Grundlage. Deshalb sind wirtschaftliche Stärke und verantwortungsvolle Haushaltsführung keine Gegensätze zu Sport, Kultur oder sozialen Angeboten. Sie sind eine Voraussetzung dafür, dass wir uns diese dauerhaft leisten können.

Eine lebendige Stadt besteht nicht nur aus Pflichtaufgaben.

13. In den letzten Jahren war ein immer größer werdender Graben zwischen Rathausspitze und der Stadtverordnetenversammlung zu beobachten. Wie wollen Sie die Kommunalpolitik wieder hinter der Rathausspitze vereinen und die Akteure von Ihren Visionen überzeugen?

Ich möchte die Kommunalpolitik nicht „hinter der Rathausspitze vereinen“. Die Stadtverordneten haben ein eigenes demokratisches Mandat und unterschiedliche politische Überzeugungen. Das gehört zu unserer Demokratie.

Aufgabe einer Bürgermeisterin ist es für mich, Mehrheiten für gute Entscheidungen zu ermöglichen. Dafür müssen Informationen frühzeitig auf den Tisch, Alternativen nachvollziehbar dargestellt und unterschiedliche Positionen ernst genommen werden.

Ich bin parteilos. Eine gute Idee wird für mich nicht besser oder schlechter, weil sie aus einer bestimmten Fraktion kommt.

Die Diskussion um die zukünftige Struktur des Stadtkonzerns ist dafür ein gutes Beispiel. Solche strategischen Entscheidungen sind keine Angelegenheit einer Bürgermeisterin allein. Stadtverordnete, Verwaltung und die Verantwortlichen der Gesellschaften müssen ihre jeweilige Kompetenz einbringen und gemeinsam tragfähige Entscheidungen vorbereiten.

Gleichzeitig muss eine Bürgermeisterin Entscheidungen treffen und vertreten können. Nicht jede Entscheidung wird einstimmig sein und nicht jeder Konflikt lässt sich auflösen. Aber wir können respektvoll miteinander umgehen, unterschiedliche Positionen zulassen und Entscheidungen transparent begründen.

Mein Ziel ist eine sachliche Zusammenarbeit, bei der wieder mehr miteinander als übereinander gesprochen wird.

14. Der/die zukünftige Bürgermeister/in hat einen Sitz im Vorstand des WSE. Welche Strategie verfolgen Sie bezüglich des WSE und der Mitgliederversammlung?

Wasser ist für Strausberg eine strategische Zukunftsfrage. Deshalb muss die Stadt ihre Interessen im WSE aktiv, fachlich fundiert und mit einer klaren Strategie vertreten.

Während meiner kurzen Amtszeit habe ich mich intensiv mit der Vorbereitung der anstehenden Verbandsversammlung beschäftigt. Dabei war meine Herangehensweise klar: Wir sollten nicht erst in einer Verbandsversammlung erfahren, welche Positionen die anderen Mitgliedskommunen vertreten.

Deshalb habe ich der Verwaltung mitgegeben, bereits im Vorfeld das Gespräch mit den umliegenden Kommunen zu suchen, deren Interessen abzuklopfen und auszuloten, wo es gemeinsame Positionen mit Strausberg gibt. Zu diesem Zeitpunkt war ich selbst bereits nicht mehr im Amt. Die Verwaltung hat diese Herangehensweise anschließend umgesetzt.

Mit dem Verbandsvorsteher Herrn Bähler habe ich selbst das direkte persönliche Gespräch geführt. Auch das gehört für mich zu guter Interessenvertretung: miteinander sprechen, Positionen kennen und Entscheidungen vorbereiten, bevor man am Sitzungstisch sitzt.

Genau diese Arbeitsweise möchte ich fortsetzen. Wer erst in der Verbandsversammlung beginnt, Mehrheiten für die eigene Position zu suchen, beginnt aus meiner Sicht zu spät.

Gleichzeitig möchte ich den anderen Mitgliedskommunen und dem WSE eine verlässliche Partnerin sein. Strausberg muss als größte Stadt Märkisch-Oderlands seine Interessen selbstbewusst vertreten. Das gelingt langfristig am besten, wenn wir zugleich die Interessen unserer Nachbarn kennen und dort gemeinsame Positionen entwickeln, wo es möglich ist.

Dabei geht es um weit mehr als den aktuellen Wasserpreis. Es geht um Versorgungssicherheit, unsere Wasserressourcen, die langfristige Entwicklung der Trinkwasser- und Abwasserinfrastruktur, notwendige Investitionen und deren finanzielle Auswirkungen für die Menschen.

Meine Erfahrung ist deshalb: Gute Interessenvertretung beginnt nicht erst mit der Abstimmung. Sie beginnt vorher, mit Vorbereitung, direkten Gesprächen und dem Wissen darum, welche Interessen die anderen Beteiligten haben. Genau so möchte ich Strausbergs Interessen im WSE vertreten.

15. Wo sehen Sie Strausberg in 8 Jahren?

Ich sehe Strausberg als wirtschaftlich starke, lebenswerte und gut geführte Stadt, die sich weiterentwickelt, ohne ihre Identität und ihre natürlichen Ressourcen aus dem Blick zu verlieren.

Ich wünsche mir eine Verwaltung, deren Strukturen mit unserer gewachsenen Stadt Schritt halten: digitaler und effizienter, aber weiterhin persönlich erreichbar. Eine Stadt, in der Unternehmen gute Bedingungen finden, Familien gerne leben, junge Menschen Perspektiven haben und ältere Menschen selbstverständlich dazugehören.

Ich möchte, dass wir beim Straussee und beim Wasser langfristig tragfähige Wege eingeschlagen haben, dass unsere Bildungs- und soziale Infrastruktur zur tatsächlichen Entwicklung unserer Stadt passt und dass wir Investitionen nicht nur ankündigen, sondern verlässlich umsetzen.

Und unsere Ortsteile gehören für mich selbstverständlich dazu. Sie sollen ihre eigene Identität behalten und gleichzeitig gut an die Entwicklung der gesamten Stadt angebunden sein.

Strausberg sollte seine Rolle als größte Stadt Märkisch-Oderlands selbstbewusst wahrnehmen: als verlässlicher Partner des Landkreises und unserer Nachbarkommunen, aber auch mit einer klaren Stimme für die eigenen Interessen. Viele Herausforderungen, von medizinischer Versorgung über Verkehr und Wirtschaft bis zur Wohnraumentwicklung, werden wir zukünftig stärker gemeinsam mit unserem Umland betrachten müssen.

Ich möchte dabei nicht alles neu erfinden. Strausberg hat unglaublich viel, auf dem wir aufbauen können. Ich möchte Bewährtes erhalten, Dinge verändern, wo sie nicht mehr funktionieren, und neue Wege gehen, wo sie uns weiterbringen.

Und ich wünsche mir, dass wir in acht Jahren sagen können: Strausberg hat sich verändert, ohne seinen Charakter zu verlieren. Nicht jede Entscheidung wurde von allen geteilt, aber sie wurde transparent getroffen, erklärt und verantwortet.

Dafür braucht es für mich keine Bürgermeisterin für eine Partei oder einzelne Interessengruppen. Es braucht eine Bürgermeisterin für die ganze Stadt.

Ihre und Eure

Annette Binder
"Strausberg kenn" ich- Strausberg kann ich."


04.09.2026, Strausberg





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