Knut-Sören Steinkopf (Die Linke) - 04.09.2026

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Knut-Sören Steinkopf (Die Linke)
Fragen und Antworten

Bild:© Ch.Löffler


1. Was haben Sie für die ersten 100 Tage nach Amtsantritt auf Ihrer Agenda, was wollen sie direkt auf den Weg bringen?
- Das INSEK stammt aus dem Jahr 2017 und kann heute keine ausreichende strategische Grundlage mehr sein – deshalb werde ich die Erarbeitung einer neuen Gesamtstrategie für Strausberg auf den Weg bringen.
- Ich starte eine Wasserstrategie gemeinsam mit dem WSE und den beteiligten Kommunen, die Wasserverfügbarkeit, Stadtentwicklung, Regenwassernutzung und Klimaanpassung zusammenführt.
- Mit SWG, Genossenschaften und Mietervertretungen will ich einen „Strausberger Wohnungspakt“ für bezahlbare Neuvermietung, Wohnungstausch und eine aktive kommunale Bodenpolitik anstoßen.
- Ich werde mit den Führungskräften und Beschäftigten der Verwaltung eine Bestandsaufnahme starten: Was funktioniert gut, wo dauern Prozesse zu lange und was können wir kurzfristig verbessern?
- Ich möchte Schulen, Kitas, Sportstätten und andere kommunale Räume stärker für Sport, Kultur und Begegnung öffnen und dafür schnell konkrete Möglichkeiten identifizieren.

2. Die Arbeit eines Bürgermeisters ist auch die Stadt Strausberg nach außen zu präsentieren. Die Hauptaufgabe ist es jedoch die Stadtverwaltung mit den immerhin 350 Angestellten in verschiedensten Funktionen zu leiten. Was qualifiziert Sie dazu, diese Arbeit zum Wohle der Einwohner gut auszuführen?
- Ich verstehe die Aufgabe des Bürgermeisters als Führungsaufgabe: Ich muss nicht der bessere Fachbereichsleiter oder Sachbearbeiter sein, sondern den rund 350 Beschäftigten Orientierung geben, Verantwortung ermöglichen und mit ihnen eine gemeinsame Strategie verfolgen, damit am Ende für die Menschen in Strausberg gute Ergebnisse entstehen.
- Ich bringe Führungserfahrung aus meiner Gewerkschaftsarbeit mit: Dort habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen, Mitarbeitende zu führen, Aufgaben zu delegieren und gemeinsam konkrete Ziele zu erreichen.
- Gute Führung bedeutet für mich, den Sachverstand der Beschäftigten zu nutzen: Als Führungskraft habe ich erfahren, dass gute Entscheidungen entstehen, wenn Verantwortlichkeiten klar sind und die Menschen beteiligt werden, die die praktische Erfahrung besitzen.
- Ich bin es gewohnt, unterschiedliche Interessen zusammenzubringen: Gewerkschaftsarbeit bedeutet verhandeln, Konflikte lösen, Kompromisse organisieren und trotzdem ein klares Ziel verfolgen – genau diese Fähigkeiten braucht auch die Führung einer großen Stadtverwaltung.
- Veränderungen funktionieren nur mit den Beschäftigten und nicht gegen sie: Aus meiner Führungserfahrung weiß ich, wie wichtig klare Kommunikation, Verlässlichkeit und Beteiligung sind, wenn Strukturen und Arbeitsabläufe sich weiter entwickeln sollen.

3. Wo setzen Sie ihre Prioritäten bei der Stadtinnenentwicklung ohne den Wasserhaushalt des Straussees (beipielsweise durch zusätzliche Versiegelungen, und steigendem Wasserverbrauch durch Zuzug) weiter zu gefährden?
- Strausberg braucht eine gemeinsame Wasserstrategie mit dem WSE und den Nachbarkommunen. Trinkwasserversorgung, Abwasserentsorgung und Stadtentwicklung müssen stärker zusammen gedacht werden. Ich will im WSE verbindlich klären, welche Siedlungsentwicklung mit den verfügbaren Wasserressourcen vereinbar ist und wie Wasser durch Einsparung, Wiederverwendung, Versickerung und langfristig auch durch die Rückführung gereinigten Abwassers stärker in der Region gehalten werden kann.
- Stadtentwicklung in Strausberg muss sich am verfügbaren Wasserhaushalt orientieren. Bei der Fortschreibung der Stadtstrategie sollten Wasserverfügbarkeit, Grundwasserneubildung und zusätzliche Abwassermengen verbindlich als Rahmenbedingungen für die weitere Siedlungsentwicklung berücksichtigt werden.
- Innenentwicklung sollte mit einer Verbesserung der Wasserbilanz verbunden werden. Neue Versiegelung ist möglichst zu vermeiden oder auszugleichen. Entsiegelung, wasserdurchlässige Flächen, Begrünung sowie die Rückhaltung und Versickerung von Regenwasser sollten deshalb systematisch Bestandteil der Bauleitplanung
werden.
- Wassersensible Bauweisen müssen zum Standard werden. Bei Neubau und Sanierung sollten Zisternen, Regenwassernutzung, Gründächer und – wo technisch und wirtschaftlich sinnvoll – Grauwasseranlagen frühzeitig mitgeplant werden. Modellprojekte zeigen für Grauwasserrecycling ein erhebliches Potenzial zur Verringerung des Trinkwasserverbrauchs.
- Größere Bauvorhaben brauchen eine nachvollziehbare Wasserbilanz. Bereits im Planungsverfahren sollte dargestellt werden, welche zusätzlichen Trinkwasser- und Abwassermengen entstehen, wie viel Fläche versiegelt wird und welche Maßnahmen zur Versickerung, Speicherung und Wiederverwendung von Wasser vorgesehen sind.
- Die Bundeswehr als großer Flächennutzer in Strausberg muss in eine auf nachhaltige Wassernutzung angelegte Stadtentwicklungsstrategie aktiv einbezogen werden.
- Der Schutz des Straussees und seines Einzugsgebietes muss Bestandteil der langfristigen Stadtplanung sein. Stadtentwicklung, Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Klimaanpassung und Landschaftsentwicklung sollten deshalb nicht getrennt geplant, sondern in einer kommunalen (Wasser)Strategie zusammengeführt werden.

4. In Strausberg gelten die SWG und die hiesigen Genossenschaften (WBG Aufbau und Neues Wohnen) zu den größten Vermietern. Sie verfügen über einen enormen Alt- Wohnbestand, was in den einzelnen Wohnarealen zu enormen Parkplatzproblem führt. Wie ist Ihr Lösungsansatz?
- Wer auf sein Auto angewiesen ist, braucht auch eine realistische Möglichkeit, es in Wohnungsnähe abzustellen. Dort, wo der Parkdruck besonders groß ist, sollten zusätzliche und besser organisierte Stellplatzangebote schaffen – möglichst flächensparend und verbunden mit einer Aufwertung des gesamten Wohnquartiers.
- Ich plädiere für Quartierskonzepte statt einzelner Parkplatzmaßnahmen. Dabei werden Parken, Wohnen, Grünflächen, Barrierefreiheit, Feuerwehrzufahrten sowie Fuß- und Radverkehr gemeinsam betrachtet. Wir sollten prüfen, ob Stellplätze, die abends oder nachts ungenutzt sind, für Bewohner geöffnet werden können. Der
Strausberger Stellplatzsatzungsentwurf eröffnet ausdrücklich Möglichkeiten einer Mehrfachnutzung, wenn sich die Nutzungszeiten unterscheiden. Das kann zusätzliche Parkmöglichkeiten schaffen, ohne dafür neu bauen zu müssen.
- Wir haben konkrete baurechtliche Möglichkeiten: Über Bebauungspläne, die Strausberger Stellplatzsatzung, Stellplatzablöse, kommunale Grundstücke und Vereinbarungen mit SWG und Genossenschaften können Stellplätze gebündelt und neue Lösungen ermöglicht werden. Bei Neubau und größeren Sanierungen muss die Parkplatzfrage deshalb von Anfang an mitgeplant werden.
- Alternativen zum Auto sollen den Parkdruck zusätzlich verringern. Bessere Radwege und Fahrradabstellplätze, S-Bahn, Strausberger Eisenbahn, Bus und Sharing können dazu beitragen. Jeder dadurch freiwerdende Stellplatz hilft denjenigen, die auf ihr Auto angewiesen sind. Das Strausberger Radverkehrskonzept liefert hierfür bereits konkrete Ansatzpunkte.

5. Auf dem Territorium der Stadt Strausberg haben sich viele Gewerbebetriebe angesiedelt. Mit welcher Strategie wollen Sie die deren Entwicklung vorantreiben?
- Es gilt bestehende Unternehmen zu stärken, statt einseitig auf Neuansiedlungen zu schauen. Strausbergs Betriebe sichern Arbeitsplätze, Ausbildung und einen erheblichen Teil unserer eigenen Einnahmen. Strausberg hat bereits einen festen Ansprechpartner für Unternehmen in der Stabsstelle Wirtschaftsförderung, Kultur und Tourismus. Darauf sollten wir aufbauen: Der Ansprechpartner muss als Wirtschaftslotse Anliegen aufnehmen, innerhalb der Verwaltung koordinieren und bei Problemen zwischen Unternehmen, Stadtplanung, Grundstücksmanagement oder Gewerbeamt vermitteln. Die bereits bestehenden Unternehmerdialoge ergänzen diesen direkten Kontakt.
- Gewerbesteuer stabilisieren – durch eine breite Wirtschaftsstruktur. Mit rund 7,5 Mio. Euro jährlich ist die Gewerbesteuer eine wichtige Säule unseres Haushalts. Sie ist aber konjunkturabhängig und schwankt. Deshalb brauchen wir nicht Wachstum um jeden Preis, sondern unterschiedliche, langfristig tragfähige Unternehmen, damit Strausberg nicht von einzelnen großen Steuerzahlern abhängig ist.
- Strausberg hat begrenzte Flächen und wird kein unbegrenzt wachsender Gewerbestandort. Deshalb sollte bei neuen Flächen stärker zählen: Wie viele gute Arbeits- und Ausbildungsplätze entstehen? Welche lokale Wertschöpfung und Gewerbesteuer sind zu erwarten? Dabei darf Gewerbesteuer allerdings nicht das einzige Kriterium sein. Ein Handwerksbetrieb, ein innovatives mittelständisches Unternehmen oder ein Betrieb mit vielen Ausbildungsplätzen kann für Strausberg einen erheblichen Wert haben, auch wenn er nicht der größte Gewerbesteuerzahler ist. Entscheidend ist eine Gesamtbetrachtung von Beschäftigung, Ausbildung, Wertschöpfung, Innovation und kommunalen Einnahmen.
- Wirtschaftsentwicklung innerhalb unserer ökologischen Grenzen. Neue Ansiedlungen müssen von Anfang an hinsichtlich Wasser, Energie, Verkehr und Flächenverbrauch geprüft werden. Das bedeutet nicht, wirtschaftliche Entwicklung zu verhindern. Im Gegenteil: Wer früh weiß, welche infrastrukturellen Grenzen und Möglichkeiten bestehen, kann verlässlicher investieren. Deshalb sollten Stadtplanung, Wirtschaftsförderung, Stadtwerke und weitere Infrastrukturträger bei größeren Vorhaben frühzeitig gemeinsam an einen Tisch.
- Strausberg steht wirtschaftlich nicht für sich allein. Arbeitnehmer, Kunden, Lieferketten und Verkehrsströme enden nicht an unserer Stadtgrenze. Deshalb müssen wir mit unseren Nachbarkommunen, dem Landkreis, der STIC Wirtschaftsfördergesellschaft und der Wirtschaftsförderung Brandenburg proaktiv zusammenarbeiten. Daraus sollte eine aktivere gemeinsame Standortpolitik für den Wirtschaftsraum östlich von Berlin entstehen.

6. Die Elektromobilität nimmt deutschlandweit immer mehr Raum ein- wo sehen Sie in und für Strausberg Handlungsbedarf?
- Wer in Strausberg zur Arbeit, zum Einkauf oder zum Bahnhof muss, sollte möglichst unkompliziert zwischen Auto, Straßenbahn, S-Bahn, Bus und Fahrrad wählen können. Elektromobilität ist dabei ein wichtiger Baustein – unser Ziel ist eine bezahlbare, verlässliche und gut verknüpfte Mobilität für die ganze Stadt.
- Elektroautos sind besonders wirtschaftlich, wenn sie wohnortnah und zu günstigen Strompreisen geladen werden können. Als Stadt mit vielen Mietwohnungen brauchen wir deshalb Lösungen, die Elektromobilität auch für Menschen ohne eigene Garage oder privaten Ladepunkt attraktiv und bezahlbar machen. Öffentliche Ladepunkte sind heute häufig deutlich teurer als Haushaltsstrom. Gerade in unseren großen Wohngebieten liegt deshalb die Chance, neue gemeinschaftliche Lademodelle zu entwickeln. Hier betreten wir teilweise Neuland – gemeinsam mit den Stadtwerken möchte ich deshalb ein Modellprojekt für wohnortnahes und deutlich preiswerteres Laden auf den Weg bringen.
- Wir fangen nicht bei null an. Die Stadtwerke betreiben bereits öffentliche Ladepunkte unter anderem am Bahnhof Strausberg, am S-Bahnhof Strausberg Nord, am Handelscentrum, am Fichteplatz, in der Konradstraße und in der Müncheberger Straße. Jetzt sollten wir prüfen, wo im Stadtgebiet noch echte Lücken bestehen und wo die Nachfrage den weiteren Ausbau rechtfertigt.
- Neue Ladepunkte sollten vor allem dort entstehen, wo die Autos ohnehin stehen: an Wohnquartieren, Einkaufsstandorten und wichtigen Umsteigepunkten. Gerade unsere S-Bahnhöfe bieten sich dafür an, Elektromobilität mit dem ÖPNV zu verbinden. Strausberg verfügt mit S5, Straßenbahn 89 und zahlreichen Buslinien über ein für eine Stadt unserer Größe bemerkenswert vielfältiges Verkehrsangebot.
- Auch die Stadt selbst sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Den kommunalen Fuhrpark möchte ich deshalb schrittweise elektrifizieren – aber nicht nach Quote, sondern dort, wo Fahrzeuge ausreichend genutzt werden, die Ladeinfrastruktur vorhanden ist und sich die Umstellung über die gesamte Nutzungsdauer wirtschaftlich rechnet.

7. Wie wollen Sie die Stadtverwaltung reformieren, damit sie weiterhin bürgernah und doch digitaler fungiert?
- Wer sich an die Stadtverwaltung wendet, soll möglichst nicht darüber nachdenken müssen, welcher Fachbereich zuständig ist oder welches Formular gebraucht wird. Entscheidend ist das Anliegen des Bürgers. Eine moderne Verwaltung organisiert sich deshalb stärker vom Menschen und seinem Anliegen her – und weniger von ihren eigenen Zuständigkeitsgrenzen.
- Ein schlechter analoger Prozess darf nicht einfach zu einem schlechten digitalen Prozess werden. Strausberg hat in den vergangenen Jahren viel in Technik, Serviceportal und Fachverfahren investiert. Jetzt müssen wir stärker auf die Abläufe schauen. Bei wichtigen Dienstleistungen will ich systematisch prüfen: Welche Schritte sind wirklich notwendig? Wo warten Vorgänge unnötig? Wo werden Daten mehrfach erfasst? Wo wechseln wir noch zwischen Papier und digitaler Akte? Erst danach wird digitalisiert.
- Modernisierung funktioniert nicht gegen die Beschäftigten, sondern nur mit ihnen. Viele Beschäftigte wissen sehr genau, wo Abläufe unnötig kompliziert sind. Dieses Wissen müssen wir besser nutzen. Entscheidungen sollen möglichst dort getroffen werden, wo die fachliche Kompetenz liegt. Führungskräfte sollen Verantwortung ermöglichen, statt jeden Einzelfall nach oben zu ziehen. Gute Vorschläge aus der Belegschaft müssen sichtbar aufgenommen und umgesetzt werden.
- Digitalisierung soll Wege ersparen, nicht Menschen ausschließen. Das Strausberger Serviceportal ist ein guter Anfang. Ich möchte daraus schrittweise ein echtes digitales Rathaus machen: mehr Anträge vollständig online stellen, Gebühren online bezahlen, Unterlagen digital nachreichen und – wo technisch und rechtlich möglich – den Bearbeitungsstand nachvollziehen. Gleichzeitig bleibt der persönliche Zugang erhalten. Wer Hilfe braucht oder sein Anliegen lieber mit einem Menschen klärt, muss weiterhin telefonisch oder vor Ort einen Ansprechpartner erreichen können.
- Dieses Prinzip – digital, wo es schneller geht, persönlich, wo es gebraucht wird – möchte ich auf weitere Bereiche der Verwaltung übertragen. Im Bürgerbüro sehen wir bereits, dass digital und persönlich zusammen funktionieren können. Termine können online gebucht werden, gleichzeitig gibt es telefonische Beratung und persönliche Vorsprache. Schon 2023 wurden mehr als die Hälfte der Termine online gebucht; zugleich wurden damals 30 bis 40 Prozent der täglichen Vorgänge ohne Termin bearbeite.

8. Die Lebenshaltungskosten und Aufwendungen steigen im Allgemeinen. Auch die Kommunen haben steigende Kosten/Aufwendungen beispielsweise Personalkosten, Planungs- und Baukosten etc. und weiteren Herausforderungen zu bewältigen. Wie ist Ihre Strategie?
- Wir müssen zuerst unterscheiden, was wir als Stadt beeinflussen können und was nicht. Steigende Energiepreise oder Tarifabschlüsse werden wir im Rathaus nicht wegverhandeln können – aber wo wir Gestaltungsmöglichkeiten haben, müssen wir sie konsequent nutzen; und dafür braucht es eine klare politische Haltung: Wo der Markt dauerhaft nicht funktioniert, muss die Gemeinschaft wieder stärker selbst organisieren.
- Wir müssen uns fragen, welche Leistungen die Stadt wieder selbst erbringen kann. Wenn wir bei Bau- und Sanierungsmaßnahmen dauerhaft Preise bezahlen, die mit der tatsächlichen Leistung kaum noch zu erklären sind, müssen auch ungewöhnliche Antworten erlaubt sein: Warum entwickeln wir beispielsweise den SWG-Hausservice nicht so weiter, dass perspektivisch mehr Bau- und Sanierungsleistungen für unsere kommunalen Gebäude selbst erbracht werden können?
- Dasselbe gilt für Planungsleistungen: Wenn wir jedes Jahr Millionen für externe Planer und Berater ausgeben, müssen wir ausrechnen, ab wann eigenes qualifiziertes Personal günstiger und besser ist – ich finanziere mit Steuergeld lieber eine zusätzliche Stelle im Rathaus als den dritten Volvo eines Architekturbüros.
- Aus meiner Gewerkschaftsarbeit weiß ich, dass Verhandlungen auch eine glaubwürdige Alternative brauchen. Wenn Unternehmen wissen, dass die Stadt Leistungen notfalls selbst organisieren, anders ausschreiben oder dauerhaft eigene Kompetenzen aufbauen kann, werden manche sehr selbstbewussten
Preisvorstellungen plötzlich wieder verhandelbar – die öffentliche Hand darf nicht als Selbstbedienungsladen wahrgenommen werden.
- Die großen Hebel liegen aber nicht bei Hundesteuer und Parkgebühren, sondern bei der Finanzierung der Kommunen insgesamt. Deshalb will ich mit unseren Nachbarstädten und Gemeinden ein starkes Bündnis bilden und gegenüber Land und Bund eine auskömmliche Finanzierung unserer Aufgaben einfordern.

9. Derzeit wohnen in Strausberg über 28.000 Einwohner, viele von ihnen sind über 55 Jahre alt. Die Zahl der Rentner und Pensionäre wächst, einige bedürfen Betreuung und Pflege. In einigen Bereichen gibt es wenig Fachärzte. Was wollen Sie auf den Weg bringen, um alle Menschen nach ihren Bedürfnissen zu versorgen?
- Dass man für einen Hautarzttermin nach Bernau oder Berlin fahren muss, fühlt sich für ein Mittelzentrum wie Strausberg schlicht nicht richtig an. Deshalb sollten wir die Entwicklung Medizinischer Versorgungszentren weiter unterstützen: Mehrere Fachrichtungen an einem Standort können Strukturen effizienter machen und Strausberg für die wenigen Medizinerinnen und Mediziner attraktiver machen, die einen Ort für ihre Niederlassung suchen – den grundsätzlichen Ärztemangel werden wir als Stadt damit allerdings nicht lösen.
- Die ambulante Pflege ist eine zentrale Säule unserer Stadt und verdient ganz praktische Unterstützung. Die Frauen und Männer, deren kleine Flitzer sieben Tage die Woche im Stadtbild unterwegs sind, pflegen unsere Angehörigen zu Hause – wenn wir ihnen beispielsweise mit geeigneten Parkregelungen die tägliche Parkplatzsuche erleichtern können, bleibt mehr Zeit für die Menschen und vielleicht auch einmal fünf Minuten zum Durchatmen.
- Wir müssen gleichzeitig ehrlich darüber sprechen, dass ambulante Pflege nicht für jeden dauerhaft eine Lösung sein kann. Deshalb gehört zu einer neuen Strausberger Stadtstrategie auch die Frage, wie viele stationäre, teilstationäre und betreute Angebote wir angesichts unserer Altersstruktur in zehn oder zwanzig Jahren tatsächlich benötigen und wo dafür Flächen und Einrichtungen vorgehalten werden müssen.
- Bei den Kosten der stationären Pflege sehe ich eine soziale Zeitbombe auf uns zukommen. Schon heute kommen Menschen mit vernünftigen Renten bei den Eigenanteilen an ihre Grenzen; für die nachfolgenden Generationen mit häufiger unterbrochenen Erwerbsbiografien wird die Situation noch schwieriger – deshalb sollten wir prüfen, ob eine gemeinnützige Pflege- und Betreuungsgesellschaft auf Ebene des Landkreises nach dem Vorbild öffentlicher Gesundheitsstrukturen Versorgungslücken schließen und einen gemeinwohlorientierten Gegenpol schaffen kann.
- Am Ende geht es aber um mehr als Ärzte und Pflegeplätze: Wir müssen Strausberg so planen, dass Menschen hier selbstbestimmt alt werden können. Barrierearme Wohnungen, funktionierende Wohnungstauschmodelle bei SWG und Genossenschaften, erreichbare Einkaufsmöglichkeiten, ÖPNV, Sport, Kultur und Begegnungsorte gehören deshalb genauso in eine neue Stadtstrategie wie die medizinische und pflegerische Versorgung.

10. Die Strausberger Geburtsklinik wurde in der Mitte des Jahres geschlossen, weil zu wenig Kinder zur Welt kommen. Im Juli wurde sogar eine Kita geschlossen. Was wollen Sie unternehmen, dass diese Entwicklung umgekehrt wird?
- Wie ich dafür sorgen will, dass in Strausberg wieder mehr Kinder geboren werden? Menschen entscheiden sich für Nachwuchs, wenn sie ein Mindestmaß an ökonomischer und sozialer Sicherheit an einem Ort vorfinden, den sie ihr Zuhause nennen können – bezahlbares Wohnen, verlässliche Betreuung, gute Schulen, Arbeit und ein lebenswertes Umfeld sind deshalb die Stellschrauben, an denen wir tatsächlich arbeiten können.
- Genau deshalb braucht Strausberg wieder eine Strategie und nicht für jedes Problem eine einzelne Antwort. Unser INSEK von 2017 hilft uns bei den heutigen demografischen Fragen nur noch begrenzt; wir müssen Wohnen, Bevölkerungsentwicklung, Kitas, Schulen, soziale Infrastruktur und Wirtschaft gemeinsam betrachten – dafür einen Beitrag zu leisten, sehe ich als meine Aufgabe und die meiner Kolleginnen und Kollegen in der Stadtverwaltung.
- Die Schließung der Geburtsklinik hat sich über Jahre abgezeichnet und nach meinem Kenntnisstand war insbesondere die dauerhafte fachärztliche Besetzung ein begrenzender Faktor; das ist besonders bitter, weil Klinik und Hebammen einen hervorragenden Ruf hatten.
- Die Schließung von Kitas ärgert mich, weil die Stadt hier sehr wohl Gestaltungsmöglichkeiten hat. Bevor wir einen öffentlichen Ort aufgeben, sollten wir frühzeitiger und kreativer überlegen, wie eine kleinere Kita mit sozialen, kulturellen oder nachbarschaftlichen Angeboten unter einem Dach funktionieren kann.
- Kitas und Grundschulen sind mehr als Gebäude für einen einzigen Zweck – sie sind öffentliche Orte in der Hand der Gemeinschaft. Wenn Kinderzahlen zeitweise zurückgehen, sollten wir deshalb nicht vorschnell Infrastruktur abbauen, die wir wenige Jahre später vielleicht wieder teuer aufbauen müssen, sondern flexible Nutzungen und Kooperationen mit sozialen Trägern prüfen.

11. Wie kann die Stadt Strausberg Mehreinnahmen generieren?
- Wir sollten bei dieser Frage zunächst ehrlich über die Größenordnungen reden: Eine Stadt wie Strausberg ist in erheblichem Maße von ihrem Anteil an den zentralen Steuereinnahmen und den Zuweisungen abhängig – mit Hundesteuer und Parkgebühren werden wir unseren Haushalt nicht sanieren.
- Den größten eigenen Hebel sehe ich in einer starken wirtschaftlichen Basis. Bestehende Unternehmen müssen sich entwickeln können und bei neuen Gewerbeansiedlungen sollten wir stärker darauf schauen, welche Wertschöpfung, Arbeitsplätze und langfristigen Gewerbesteuereinnahmen sie nach Strausberg bringen.
- Wir müssen uns als Stadt strategisch so aufstellen, dass wir möglichst viel vom „Beifang“ der Förderprogramme mitnehmen. Wenn Bund, Land oder EU Geld für Schulen, Infrastruktur, Klimaanpassung oder andere Investitionen bereitstellen, müssen wir fertige Ideen und Planungen in der Schublade haben – Fördermittel bekommt häufig derjenige, der handlungsfähig ist, wenn ein Programm aufgelegt wird.
- Eine aktive Bodenpolitik ist ebenfalls Finanzpolitik. Kommunale Grundstücke sollten wir nicht verkaufen, um einmalig Haushaltslöcher zu stopfen, sondern dort behalten oder strategisch erwerben, wo sie uns langfristig Einnahmen und vor allem Gestaltungsmöglichkeiten für Wohnen und Gewerbe sichern.
- Am wichtigsten bleibt aber die strukturelle Finanzierung der Kommunen. Deshalb will ich Bündnisse mit unseren Nachbarstädten und Gemeinden schmieden und gegenüber Land und Bund gemeinsam Druck machen – denn wir können in Strausberg noch so klug wirtschaften: Wenn den Kommunen immer mehr Aufgaben übertragen werden, ohne ihnen das notwendige Geld mitzugeben, lässt sich dieses Problem nicht im Rathaus wegsparen.

12. Welche freiwilligen Leistungen besitzen für Sie Priorität?
- Mit dem Begriff „freiwillige Leistungen“ tue ich mich ehrlich gesagt schwer. Für mich ist das ein Begriff aus den Neunzigerjahren und aus einer Zeit, in der Kommunalpolitik vielerorts vor allem bedeutete, in der Haushaltssicherung zu entscheiden, was als Nächstes gestrichen wird – ich habe damals selbst Jugend- und Kulturarbeit in Strausberg gemacht und diesen Begriff hassen gelernt.
- Kultur, Sport, Jugendarbeit, Seniorenangebote und die Unterstützung des Ehrenamtes sind für mich keine verzichtbaren Extras. Sie machen aus einer Ansammlung von Häusern überhaupt erst eine Stadt, in der Menschen miteinander leben und sich zu Hause fühlen.
- Meine Aufgabe als Bürgermeister wäre deshalb zunächst, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen in der Verwaltung dafür zu sorgen, dass Strausberg finanziell handlungsfähig bleibt und gar nicht erst in eine Situation kommt, in der wir Kultur, Sport und soziale Angebote gegeneinander ausspielen müssen.
- Dabei geht es nicht immer nur um zusätzliches Geld, sondern auch darum, das Vorhandene besser zu nutzen. Schulen, Kitas, Turnhallen und Sportanlagen sind mit öffentlichen Mitteln gebaut worden – deshalb möchte ich sie außerhalb ihrer Kernzeiten stärker und möglichst unkompliziert für Vereine, Kultur, Nachbarschaft und Begegnung öffnen.
- Wenn Sie mich trotzdem nach einer Priorität fragen, dann lautet sie: gesellschaftliche Teilhabe. Kinder und Jugendliche, Sport, Kultur, Seniorenarbeit und Ehrenamt schaffen Zusammenhalt – eine Stadt, die an diesen Dingen spart, kann am Ende einen ausgeglichenen Haushalt haben und trotzdem ziemlich arm sein.

13. In den letzten Jahren war ein immer größer werdender Graben zwischen Rathausspitze und der Stadtverordnetenversammlung zu beobachten. Wie wollen Sie die Kommunalpolitik wieder hinter der Rathausspitze vereinen und die Akteure von Ihren Visionen überzeugen?
- Ich hatte in den vergangenen Jahren häufig den Eindruck, dass sich die alte Rathausspitze von den Stadtverordneten eher genervt fühlte und die Zusammenarbeit nicht besonders kollegial war. Selbst als „Wochenend-Strausberger“ habe ich diese zunehmende Zuspitzung mitbekommen – und ich halte sie für vollkommen unnötig.
- Vertrauen entsteht durch Gespräche und rechtzeitige Einbeziehung und nicht dadurch, dass man fertige Entscheidungen auf den Tisch legt. Wichtige Vorhaben möchte ich deshalb gemeinsam mit den Stadtverordneten entwickeln und sie nicht erst dann beteiligen, wenn eigentlich nur noch zugestimmt werden soll.
- Das läuft in jedem Betrieb so, der vernünftig funktionieren soll – und im Rathaus sollte es nicht anders sein. Man muss nicht immer einer Meinung sein, aber man muss miteinander reden, einander ernst nehmen und nach einer Entscheidung wieder gemeinsam arbeitsfähig sein.
- Gerade die neue Strategie für Strausberg darf keine Strategie des Bürgermeisters werden. Stadtverordnete, Verwaltung und Stadtgesellschaft müssen gemeinsam darüber diskutieren, wo Strausberg in zehn oder zwanzig Jahren stehen soll – nur dann entsteht daraus eine Orientierung, die auch einen Wechsel von Mehrheiten und Personen überdauert.
- Ich möchte deshalb auch niemanden von „meiner Vision“ überzeugen oder die Stadtverordneten „hinter der Rathausspitze vereinen“. Das wäre schon wieder das falsche Verständnis: Wir brauchen ein gemeinsames Ziel für Strausberg – und meine Aufgabe als Bürgermeister ist es, den Prozess zu organisieren, aus unterschiedlichen Positionen tragfähige Entscheidungen zu machen und diese dann mit der Verwaltung umzusetzen.

14. Der/die zukünftige Bürgermeister/in hat einen Sitz im Vorstand des WSE. Welche Strategie verfolgen Sie bezüglich des WSE und der Mitgliederversammlung?
- Wenn dauerhaft weniger Wasser zur Verfügung steht, als für alle Wünsche nach Wachstum, Gewerbe und Verbrauch benötigt wird, wird aus der Wasserfrage zwangsläufig auch eine Verteilungsfrage. Ich werde mich in der Mitgliederversammlung dafür einsetzen, dass die Verlierer nicht die Strausbergerinnen und Strausberger sind. Andere Kommunen haben ebenso berechtigte Interessen, und ich bin sicher, dass wir Partner finden werden, die viele unserer Sorgen teilen – am Ende müssen wir miteinander einen tragfähigen
Kompromiss finden. Aus meiner Gewerkschaftsarbeit kenne ich solche Situationen ziemlich gut: Jeder vertritt zunächst selbstbewusst die Interessen der Menschen, für die er am Tisch sitzt, und anschließend sucht man eine Lösung, die für die große Mehrheit tragfähig ist und nicht einzelne Partner über Gebühr belastet.
- Langfristig werden wir die Verteilungsfrage aber nur entschärfen, wenn wir gemeinsam dafür sorgen, dass wir mit der vorhandenen Ressource Wasser intelligenter umgehen. Deshalb will ich im WSE für eine gemeinsame Wasserstrategie eintreten, die Bevölkerungs- und Gewerbeentwicklung mit den tatsächlich verfügbaren Ressourcen verbindet und zugleich Regenwassernutzung, regionale Wasserkreisläufe und neue technische Lösungen voranbringt.

15. Wo sehen Sie Strausberg in 8 Jahren?
- Bei dieser Art von Fragen muss ich immer ein bisschen schmunzeln. Hätte man unseren ehemaligen Bürgermeister Manfred Tippmann 1982 gefragt, wie Strausberg acht Jahre später aussehen wird, hätte er mit ziemlicher Sicherheit daneben gelegen
– ein bisschen Demut gegenüber der Zukunft schadet uns also nicht.
- Nachdem ich gelesen habe, dass in der Baugrube des neuen Gymnasiums an der alten Polizeiwache Spuren von Menschen gefunden wurden, die hier schon vor rund 3.500 Jahren gelebt haben, erscheinen acht Jahre Amtszeit ohnehin ziemlich überschaubar. Mein Anspruch ist deshalb nicht, Strausberg neu zu erfinden, sondern meinen Beitrag dazu zu leisten, dass dieser Ort nach acht Jahren ein Stück besser dasteht als heute.
- Was ich allerdings verändern möchte: Strausberg soll nicht mehr jeder einzelnen Entwicklung hinterherlaufen. Das INSEK von 2017 kann für die Herausforderungen der kommenden Jahre keine ausreichende strategische Grundlage mehr sein – wir brauchen eine gemeinsam getragene Vorstellung davon, wie sich Wohnen, Wirtschaft, Wasser, Verkehr und soziale Infrastruktur entwickeln sollen.
- Wenn ich 2034 zurückblicke, möchte ich sehen, dass Strausberg bezahlbar und lebenswert ist und wir mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen vernünftig umgegangen sind. Dazu gehören bezahlbares Wohnen genauso wie der Schutz unserer Wasserressourcen, eine starke Wirtschaft, Sport und Kultur und eine Stadt,
in der Jung und Alt ihren Platz finden.
- Und vielleicht ist der wichtigste Maßstab am Ende gar kein einzelnes Projekt. Wenn Rathaus, Stadtverordnete, Unternehmen, Vereine und die Menschen wieder stärker miteinander statt übereinander reden und das Gefühl haben, gemeinsam an dieser Stadt zu arbeiten, dann wäre Strausberg nach diesen acht Jahren hoffentlich ein bisschen besser als heute – und damit könnte ich ziemlich gut leben.


04.09.2026, Strausberg





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